NEUE GESELLSCHAFT

Gesellschaft und Kunst

Cinto



Von Venetien nach Argentinien, Gesichter und Geschichten einer kleinen großen Gemeinschaft im italienischen Nordosten

Bearbeitet von Paolo Balduzzi

Um Cinto Caomaggiore zu erreichen, empfiehlt es sich die Straße zu benutzen, die mit der größeren Portogruaro verbindet, um dann nördlich Richtung Friaul weiter zu fahren. Fährt man aber Richtung Venedig, so genießt man Routen, die durch weite Landschaften führen.

Die Bewohner dieser Gegend gelten als fleißig und fähig, „Reichtümer“ für das ganze Land zu erarbeiten.
Auf den ersten Blick sieht man nichts Neues: ein typisches Dorf, an dem man einfach vorbeifahren würde. Wenn man aber die Leute dort kennen lernt, von ihrem Leben erfährt, spürt man sofort, dass ihr Reichtum noch ganz woanders liegt.

Diese Schatzkiste öffnen uns Gianni und Rosalia, die seit 48 Jahren verheiratet sind und fünf Kinder haben. Sie gehören mit ihrer Familie zu den Animatoren einer sehr lebendigen Gemeinschaft vor Ort, durch die sie häufig „über den Ozean“ reisen.

Aber der Reihe nach. Gianni und Rosalia lernten in den 70iger Jahren das Ideal der weltweiten Geschwisterlichkeit kennen, über das sie mit Nachdruck versichern: “Es ist super!“
Sie arbeiten intensiv für Familie und Haus, die typischen Werte dieses Ideals, das sie verstehen lässt, immer zum Wohl des anderen beizutragen, nicht nur bei einem Verwandten, sondern auch, wenn es sich um einen Nachbarn handelt, einen Passanten, einen Kollegen oder Freund.

Für Gianni und Rosalia ist es ganz selbstverständlich, ihre Türen für alle offen zu halten, die im Ort Hilfe brauchen. Einige suchen Rat, andere bitten sie um einen Dienst. Dort wohnt auch eine Frau, die nicht mehr ihre Wohnung verlassen kann, doch die Kommunion empfangen möchte oder einfach auf ein Wort des Trostes wartet. Das Leben ist wie die Liebe, einfach in der Art und Weise, aber revolutionär in den Ideen.

Der Kreis um sie erweitert sich zunehmend. Mit den Jahren stellen sie fest, wie sich um ihre Familie eine große Kommunität schart, die die Freuden und Leiden des Alltags mit einander teilen. Gemeinsam nimmt man an besonderen Ereignissen teil oder sucht nach Lösungen für unausbleibliche Probleme. Aber man trifft sich auch zum Beten und Feiern. „Wir waren eigentlich immer bemüht, diejenigen auszusuchen, die uns am meisten brauchten, nicht nur in materieller, sondern auch in geistiger Weise. Dabei ging es nicht etwa um vorhersehbare Situationen, sondern sie boten sich einfach so an. Damals wie heute.“

Man braucht Zeit, Geduld und Ausdauer, bis man nach einem so radikalen Einsatz Früchte erntet. Nach nun zwanzig Jahren existiert jetzt in Portogruarese eine der lebendigsten Kommunitäten vor Ort im Nordosten Italiens. Wenn man sich daran gewöhnt hat, „für die anderen“ zu leben, wird es ganz natürlich, mit den Gedanken umherzuschweifen und die ganze Welt als Zuhause anzusehen. Seit einiger Zeit verfolgt man aufmerksam von hier aus das Leben einiger Dörfer in Südamerika. „Einer unserer Söhne lebt seit 1998 in Argentinien und pflegt eine lebendige Beziehung zu einigen Kommunitäten der Fokolar-Bewegung. Gerade diesem direkten Kontakt ist es zu verdanken, dass wir uns auch von hier aus für diese Orte engagieren können.“


Es handelt sich dabei um einen Einsatz der Pfarrei, der Nachbarschaft und fast aller unserer Freunde. Darüber hinaus beteiligen sich auch diejenigen, denen die Erneuerung des Sozialgefüges einiger Länder ein Anliegen ist, weil die Menschen dort oft von Armut und Gewalt bedroht sind. Trotz dieser Umstände ist es ein gutes und fruchtbares Terrain wie Maurizio selbst in seinem Brief an den Pfarrer schreibt.

“Lieber Don Carlo,
wie du weißt, bin ich seit mehr als zehn Jahren in Argentinien, zunächst in einer Stadt nahe bei Buenos Aires und jetzt wohne ich seit vier Jahren in San Miguel de Tucumán, einem Städtchen am Fuße der Anden. Seit ich hier bin, gilt mein Engagement einem Dorf in den Bergen. Hier, in Santa Maria de Catamarca, lebt eine vorwiegend indigene Bevölkerung unter sehr schwierigen Situationen (die Armut, die man in diesen Dörfern antrifft, ist wirklich unglaublich). Als einzige Erwerbsquelle dient ihnen der Verkauf von Waren aus handwerklicher Produktion, die sie aus Lama-Wolle anfertigen sowie u.a. auch Ochsensehnen. Aber der Handel damit reicht keinesfalls aus, um ihnen ein würdiges Leben zu garantieren und deshalb arrangieren sie sich, wie es nur eben geht.

San Miguel di Tucumán ist eine Stadt wie viele in Argentinien, reich an Widersprüchen. Stadtviertel der Wohlhabenden im europäischen Stil wechseln mit denen extremer Armut. Wir gehen jetzt immer zu einem dieser „barrios“. Die Jugendlichen leben dort auf der Straße und haben Mühe, die staatlichen Schulen zu besuchen (die Schule ist den Wohlsituierten vorbehalten). Durch diese Misere geraten sie häufig in die Welt der Drogen und des Diebstahls. Sie sind eine leichte Beute für verbrecherische Banden, die sie schon als Kinder anwerben und ausbilden. Mit einem Freund wollten wir eine kleine Fußballschule gründen, weil dies der beliebteste Sport ist. Wir begannen wirklich am Nullpunkt, denn es gab nur einen Ball und die Erlaubnis, eine Fläche zu benutzen, die uns der Pfarrer des Dorfes zur Verfügung stellte.

Das Feld befindet sich in einem schadhaften Zustand, Gras wächst nur an den Rändern, und es gibt viele Ameisenhaufen. Die kleinen Tiere beißen die Kinder in die Füße, wenn sie barfuss spielen, weil sie sich keine Schuhe leisten können.
Unser Anliegen besteht darin, sie von der Straße zu holen und ihnen einige grundlegende Dinge beizubringen, wie Respekt vor dem Anderen, Selbstkontrolle, Ehrlichkeit, Gehorsam dem Fußballtrainer gegenüber, so dass diese schließlich ihr Lebensstil werden. Das ist alles ganz neu für sie; es ist nicht immer einfach, die Geduld aufzubringen und mit Ausdauer weiterzumachen.
Mit der finanziellen Hilfe vom letzten Jahr konnten wir Turnschuhe und zwei Bälle kaufen, aber es gibt noch sehr viel zu tun.

(Die Schuhe kamen dank der Großzügigkeit eines Schuhmachers aus Cinto Caomaggiore, der für diesen Zweck auf die Einnahmen seiner Arbeit verzichtet hat. Hinweis der Redaktion)

Falls auch in diesem Jahr eine Unterstützung aus Cinto eintreffen sollte, würden wir damit die Jugendlichen für ein Fußball-Turnier anmelden. Für diesen Fall kämen verschiedene Ausgaben auf uns zu: Versicherung, Sport-Ausrüstung und vor allem die Kosten für die Fahrten zu den Sportstätten.
Unser Traum wäre allerdings ein Kleinbus, momentan müssen wir uns noch einen für den Transport leihen (…). Sicher wäre es eine riesige Freude für die Kids, an einem „offiziellen“ Turnier teilnehmen zu können. Endlich hätten sie die Möglichkeit zu beweisen, was das zweijährige Training bewirkt hat, auch weil sie auf diese Weise aus ihrem Umfeld herauskämen und Jugendlichen ihres Alters begegnen könnten, die mehr „Glück“ hatten als sie. Ich kann dir versichern, dass sie bei den wenigen Gelegenheiten solcher Treffen mit „glücklicheren“ Kids durch ihr vorbildliches Verhalten auffielen. Oft wurden gerade sie den anderen „gastgebenden“ Jugendlichen als Beispiel hingestellt, ein Zeichen dafür, dass die Prinzipien der christlichen Solidarität, die wir ihnen vermitteln möchten, auf fruchtbaren Boden gefallen sind und eine neue Blüte für dieses Dorf erhoffen lassen".

In letzter Zeit setzt die Gemeinschaft von Portogruarese ihre Zeit und Kraft besonders für die Kinder von 2 bis 12 Jahren ein, mit denen sie sich jeden letzten Samstag im Monat treffen. An der Programmgestaltung beteiligen sich mehrere Personen aus der Kommunität. Einer bereitet den Imbiss, ein anderer dekoriert den Saal und jemand arbeitet als Taxichauffeur… und wieder einer übernimmt das Fußballtraining. Durch diesen Einsatz für die Kleinen erleben wir, dass auch die Großen sich auf einmal beteiligen und man plötzlich versteckte Talente entdeckt.

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