NEUE GESELLSCHAFT

Gesundheit und Ökologie

Alzheimercafe1

 

Antonellas Tante ist an Alzheimer erkrankt und wird von ihr seit einiger Zeit unter großen Schwierigkeiten gepflegt. Sie bemüht sich um geschwisterliches Handeln und sucht ständig nach neuen Lösungen, um wirklich bis zu den „letzten“ ihres Städtchens zu gelangen. Dabei entdeckt sie gemeinsam mit den Kranken trotz der Schwierigkeiten die Schönheit des Lebens.



San Severo (FG) - Italien

Ich heiße Antonella. Seit einigen Jahren bemühe ich mich, im Alltag mein Leben nach der Geschwisterlichkeit auszurichten.

Diese Entscheidung brachte mich dazu, „Caregiver“ meiner an Alzheimer erkrankten Tante zu sein
. Seit vier Jahren sorge ich täglich für sie. Ich helfe ihr beim Essen, beim Putzen und leiste ihr Gesellschaft.

Dabei erlebe ich schmerzlich ihren langsamen und fortschreitenden Identitätsverlust. Mir wird bewusst, wie sehr sie mir vertraut, denn in den lichten Momenten fragt sie mich, wie ich jeden ihrer Verluste einschätze. Dann durchleide auch ich diesen Schmerz, erlebe mit ihr Wüste, Einsamkeit, Ängste und Hemmungen. Besonders schmerzt es mich, dass auch die Institutionen schweigen.
In den täglichen Schwierigkeiten wird mir klar, was es heißt, wirklich das Leben für die anderen zu geben. Als ich mich wieder einmal in keiner einfachen Lage befand, kam mir plötzlich eine Idee.

Ich dachte, dass es doch irgendwie möglich sein müsste, die Situation anzugehen, in der die Kranken und ihre Familien leben. Deshalb sprach ich mit dem Arzt der Geriatrie, der meine Tante behandelt. Aus der Beziehung von Patient, Arzt und Familie entstand der Wunsch, eine Vereinigung zu gründen. Sie sollte es ermöglichen, eine Antwort auf diese Lebenslage der Kranken zu geben, an der viele Menschen interessiert sind.

Wir wählten den Namen: „Neue Gesellschaft – Das Haus der Träume“. Hier geht es wirklich um Träume. Wenn man jedoch alleine träumt, kann es leicht beim Traum bleiben. Gemeinsame Träume können eher Realität werden. Schon beim ersten Austausch zeigte sich ganz klar, dass wir vieles ins Leben dieser Patienten einbringen können: sie freundlich aufnehmen, ihnen zuhören und Hilfe zur Selbsthilfe leisten.

Am Anfang gab es nur uns zwei: den Arzt und mich. Im Kontakt mit alten Schulfreunden schlossen sich andere der Initiative an, und unter Anleitung eines Steuerberaters gründeten wir nach gesetzlichen Vorgaben den Verein. Wir wollten keine Zeit verlieren und beschlossen, uns weiter zu bilden. An dem Kurs zum Thema: „Alzheimer-Krankheit und andere Demenzen“  nahmen dreißig Personen teil, Freiwillige sowie Angehörige.

Auf diese Weise kam es auch zur Einweihung unseres Vereins. Für die sieben Ausbildungsabende stellten sich Ärzte, Psychologen und Krankenhauspersonal kostenlos zur Verfügung.
Ganz oft tauschte ich meine Erfahrungen mit Freunden aus, die in meiner Stadt denselben Lebensstil mit mir teilen und mir helfen, ihn unter vielen Gesichtspunkten noch zu verbessern. Jedes Mal ermutigten sie mich, so dass ich dieser Herausforderung ganz unbefangen begegnen konnte.

Es faszinierte uns, dass man trotz dieses scheinbar hoffnungslosen Unternehmens spürte, wie das Alltägliche eines Lebens mit all dem Schweren, was es mit sich bringt, sich durch unvorhersehbare Ereignisse in außergewöhnliches Leben verwandeln kann.

Durch die Fortbildung und die neu gewonnenen Beziehungen verstanden wir Teilnehmer noch mehr, wie wichtig es ist, sich den „Letzten“ unserer Stadt zu widmen. In unserem Fall sind diese Letzten die an Alzheimer Erkrankten. Wir mühten uns, ihnen etwas mehr zu geben als nur einfache Hilfe.

Eines Tages holte ich mein Auto und begleitete meine Tante, die 89 ist und seit langem nicht mehr das Haus verließ, ins Café meiner Freundin, um mit ihrer Altersgenossin, die 90 ist, eine heiße Schokolade und einen Obstsaft zu trinken. Durch diesen Besuch entstand das „Café Alzheimer“.

Als ich meine beiden Freundinnen zum ersten Mal einlud, waren sie zwar froh, aber zweifelten zunächst noch. Jetzt sind sie immer schon fertig angezogen und erwarten mich freudig. Allmählich bezogen wir auch andere Kranke mit ein. Jetzt nehmen an dieser Verabredung bereits 15 teil.
Sabina ging seit drei Jahren nicht mehr vor die Tür, Carmela war einfach nicht zu bewegen, hinauszugehen: „Weißt du, ich habe gar keine Schuhe dafür“, sagte sie. Ich erklärte ihr, dass sie auch in Pantoffeln mitkommen könne, denn wir würden ja mit dem Auto fahren.

Zur Gruppe gehört noch Giovanna, deren Mantel seit einem Jahr im Schrank hängt und den sie seitdem nicht mehr angezogen hat. Auch ein altes Ehepaar mit dieser Krankheit beteiligt sich gern an diesem Ausflug, der zweimal pro Woche stattfindet.

Diese Initiative verbreitete sich in der Stadt wie ein Lauffeuer. Der Bischof feierte mit uns das einjährige Bestehen unseres Vereins. Auch das Referat für soziale Dienste der Gemeinde wurde aufmerksam. Einmal pro Woche stellt es zur Beförderung unserer Senioren ein Auto mit Chauffeur zur Verfügung.

Im letzten Jahr überreichten wir allen Frauen am 8. März Mimosen, denn dieser Tag ist doch ihnen gewidmet. Mit diesem Geschenk wollten wir den Kranken beweisen, dass die Würde der Person nie abnimmt, auch nicht in der Krankheit.

Uns scheint es wichtig, auch die Verwandten der Alzheimer-Patienten zu entlasten. Deshalb bieten wir ihnen einige Yogasitzungen an, bei denen sie die Möglichkeit haben, sich etwas zu entspannen und abzulenken. Heute gehören fast fünfzig zur Gruppe der Kranken und Freiwilligen, durch die gemeinsam dieses „Leben“ weiter ermöglicht wird.

Wir merken, dass die Liebe zu den Bewohnern unserer Stadt uns als neue Menschen wachsen lässt und uns die Schönheit des Lebens auch in den täglichen Schwierigkeiten entdecken lässt.

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