NEUE GESELLSCHAFT

Politik und Verwaltung

Vallediledro

Zu diesem Tal gehören sechs politische Gemeinden sowie acht Pfarreien und drei Priester. Hier beginnt ein Pilotprojekt, das zunächst in der Pastoral startete, dann aber die politischen Gemeinden und Verwaltungen einbezogen hat. Man schloss sich zu einer einzigen Verwaltung zusammen und bildet nun eine einzige Gemeinde, die Gemeinde von Ledro.

Von Paolo Balduzzi

Der 30. November 2008 wird den Bewohnern aus dem Tal von Ledro in Südtirol als wichtiges Datum im Gedächtnis bleiben. An jenem Tag nämlich wurde durch Volksentscheid die Entstehung einer einzigen politischen Gemeinde festgeschrieben, die nach einjähriger Probephase  ab 1. Januar 2010 in Kraft tritt.

Zuvor gab es sechs eigenständige Kommunen: Molina di Ledro, Tiarno di Sopra, Concei, Tiarno di Sotto, Bezzecca und Pieve di Ledro. Mit einer überwältigenden Mehrheit von 75% der Stimmen entschieden sie sich, zu einer einzigen Verwaltung zu verschmelzen. Darin lag die Chance, den Bewohnern mit größerer Effizienz und Kosteneinsparung die nötigen Dienste anbieten zu können. Eine Fusion von Kommunen wie im Tal von Ledro zählt zu den ersten ihrer Art in Italien. Denn dort standen nicht etwa ökonomische Interessen im Vordergrund, sondern seit langem versuchte man die Geschwisterlichkeit miteinander zu verwirklichen, den eigentlichen Beweggrund für diesen Erfolg.

Don Giampietro Baldo gilt als Experte für “Vereinigungen”. Schon seit einigen Jahren stehen die acht Pfarreien im Tal unter seiner pastoralen Verwaltung. Wir stellten ihm einige Fragen zu dieser Entwicklung, die jetzt Form annimmt:

Don Giampietro, was sagen Sie zu den Ergebnissen des Referendums? Drei von vier Bürgern stimmten für den Zusammenschluss. Wie war das möglich?

“Ich möchte hervorheben, dass die Fusion der Gemeinden nicht am grünen Tisch entschieden wurde, sondern das Ergebnis eines Prozesses ist. Im Laufe der Jahre nämlich konnten sich die verschiedenen Kommunitäten kennen und schätzen lernen. Jeder übernahm von den anderen etwas Schönes und Nützliches für seine eigenen Leute. Deshalb denke ich, dass nur durch dieses Klima der Gegenseitigkeit unter allen ein derartiges Resultat beim Referendum zustande kommen konnte. So wurden die Ereignisse auf ganz natürliche Weise vorbereitet.“

Können Sie sich vorstellen, dass Ihre Arbeit als Pfarrer der acht Gemeinden im Tal mit dazu beigetragen hat, dass es  für diese Fusion eine so große Zustimmung gab?
"Ich denke, dass mehr noch als meine persönliche Arbeit das Zeugnis gelebter Brüderlichkeit mit den anderen Pfarrern Wirkung zeigte. Das hat die Leute angesteckt, glaube ich. Don Lino ist bereits von uns gegangen, und Don Pio ist in Pension. In der Beziehung unter uns dreien versuchten wir einander auch in unserer Unterschiedlichkeit zu verstehen. Wir teilten unseren Erfahrungsreichtum miteinander und lernten so einer vom anderen. Aber es blieb nicht nur bei einer Freundschaft und beim offenen Austausch, sondern wir praktizierten dies vor allem im Umgang mit den uns Anvertrauten. Dabei versuchten wir ihnen zu zeigen, wie schön es ist, die Einheit zu leben, welche positiven und kreativen Seiten sich ergeben, wenn man etwas gemeinsam durchgeführt hat. Im Laufe der Zeit gab es nur noch ein einziges pastorales Programm, das zum gegenseitigen Kennen lernen verhalf und Kräfte freisetzte, die vorher niemand vermutet hatte. In den verschiedenen pastoralen Nöten half man sich gegenseitig und gelangte allmählich zu der Haltung, Freuden und Schmerzen unserer Leute miteinander zu teilen. Wenn sie diesen Lebensstil übernahmen, setzten sie sich persönlich für den anderen ein".

Wenn Sie von “Leuten” sprechen, meinen sie damit auch diejenigen, die in den Verwaltungen vor Ort tätig sind?
"Auf jeden Fall. Die Einheit wirkt ja geradezu ansteckend. Wir haben auch immer die Bürgermeister und die verschiedenen Verwaltungsbeamten im Tal einbezogen. Dabei erinnerten wir uns an das, was wir von Chiara Lubich, der Gründerin der Fokolar-Bewegung über gelebte Gegenseitigkeit gehört hatten. Denn sie machte uns mit diesem Lebensstil bekannt. Einmal drückte sie sich ungefähr so aus: “Ich träume von einem Dorf, indem die Menschen sowohl mit dem Pfarrer als auch mit dem Bürgermeister geeint leben.“ Mir scheint, genau dieses Phänomen hat sich gezeigt. Bildet man ein Netzwerk, um für das Gemeinwohl zu arbeiten, so zeigt das positive Wirkungen in der Pastoral zunächst für die Gemeinden, die sich oft hinter dem eigenen Kirchturm verschanzen. Ich erinnere mich noch, dass in einer Pfarrei Katecheten fehlten und uns dann Kollegen der anderen zu Hilfe kamen. Ohne sie hätten wir es nicht geschafft. Hier zeigte sich die Einheit als Notwendigkeit, aber auch als Schönheit. In die Verwaltungssprache übersetzt heißt es dann, dass diese Erfahrung dem Gemeinwohl dient. Dies stellten dann als erste die Bürgermeister fest, die eine Kampagne für den Zusammenschluss der Orte starteten und dabei auf die positive Entwicklung unserer pastoralen Arbeit hinwiesen. Ab 1. Januar 2010 wird nun die eine politische Gemeinde Realität. Jetzt liegt es an uns, sie auch in diesem Sinn zu nutzen.“

Im Mai 2010 fanden die ersten Wahlen in der neuen Gemeinde statt. Für dich als Pfarrer war das eine Gelegenheit, an alle Gewählten einen Brief zu verschicken, in dem Du eine “hohe” Auffassung von der Politik vorschlugst.
“Ich bin der Auffassung, Politik bedeutet Arbeit für die Polis, für die Stadt. Sie ist der höchste Dienst, den man für das Gemeinwesen verrichten kann. Dazu braucht es Engagement, Pflichtbewusstsein, ohne dass man sich in der ‚Partei’ verliert, die ja mit dem ‘Teil’ (pars) zu tun hat, sondern dass man hohe Ziele zum Wohl der Polis setzt. So etwas ist hier geschehen: bei den Wahlen wurden neue Listen vorgestellt, die Liste der PD (Demokratische Partei) war komplett, bei den Bürgerlichen der rechten Mitte fehlten einige Elemente. Der Vorsitzende der PD hat mit der Vorsitzenden der anderen Liste telefoniert und ihr gesagt: ‚Mach dir keine Sorgen um die fehlenden Kandidaten, die du nicht findest; ich habe sie für dich. Sie möchten sich engagieren, aber nicht bei mir, weil ich ja links bin. Ich bin sicher, mit dir würden sie mitmachen.‘ So war es dann auch”.

Das sind Zeichen der Hoffnung, und mit der gelebten Erfahrung sind das Gesten, die der Politik neue Glaubwürdigkeit geben.
“In dem erwähnten Brief habe ich geschrieben, dass meiner Meinung nach ein Politiker derjenige ist, der allen zuhören kann, auch den Gegnern; der mit allen etwas aufbauen kann, weil er bei jedem Vorschlag das Positive herausholt, das darin stecken kann. Du bist Politiker, wenn du dich von Träumen und Fantasie begeistern lässt, um Neues, Schönes, Harmonie vorzuschlagen. Du bist Politiker, wenn du die Probleme der polis lebst, an den Traumata der Bürger teilnimmst, wenn du neue Beziehungen unter den verschiedenen Menschen und Gemeinden herzustellen verstehst, die viele Jahre getrennt waren. Du bist Politiker, wenn du jeden Vorschlag, jede Person respektierst,  wenn du aufnehmen kannst und wenn du die verschiedenen Vorschläge auf Gleise zusammenführst, bei denen alle mitgehen können.”


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