NEUE GESELLSCHAFT

Politik und Verwaltung


Porto-Genova

Vor kurzem wurde vom italienischen Staat und der Europäischen Union das Projekt genehmigt, durch das eine Eisenbahnverbindung die Häfen Genua und Rotterdam miteinander verbindet. Am Beginn dieses Ereignisses steht die außergewöhnliche Erfahrung einer Gruppe Genueser; vor vielen Jahren stellten sie auf einfache, aber konkrete Weise ihre Kompetenz und ihre Ideale zur Verfügung, um die Wunden ihrer Stadt zu heilen. Daraus entstanden unvorhersehbare Entwicklungen, die wir heute in Erinnerung rufen möchten.


Von Paolo Balduzzi (unter Mithilfe von Roberto Zanovello) Genua (Italien)

“Du wirst eine königliche Stadt erblicken, eingebettet in gebirgiger Landschaft, stolz durch Menschen und durch Mauern, deren Äußeres allein ihr den Titel Herrin der Meere verleiht…“ So besingt der Dichter Francesco Petrarca die Schönheiten von Genua, eine der ältesten Meeresrepubliken. Heute zählt sie zu den wichtigsten Europäischen Häfen und wurde 2004 zur Europäischen Kulturhauptstadt.

Wenn Petrarca Genua zur Herrin der Meere erhebt, titelten vor kurzem lokale Tageszeitungen mit „Genua wird Königin sein“ auch unter anderen Gesichtspunkten. Das Projekt des dritten Eisenbahnüberganges Genua – Rotterdam wurde tatsächlich genehmigt und somit zu den tragenden Säulen des Europäischen Verkehrsnetzes zählen. Bis dahin könnte man von einer einfachen politischen Entscheidung für die Stadt sprechen. Aber worin liegt das Besondere?

Dazu muss man in das Jahr 1991 zurückgehen. Damals entschied sich eine Gruppe von Menschen, alle Kräfte zu bündeln, um gemeinsam auf die Bedürfnisse einzugehen, die sich im Leuchtturm(von Genua) gerade zeigten. Sie waren von dem Wunsch durchdrungen, auf die jeweilige Situation der Stadt einzugehen und zum Allgemeinwohl beizutragen. Ihrer „Methode“ lag ein geschwisterliches Handeln zwischen einzelnen und der Gemeinschaft zu Grunde.
„Als wir uns fragten, welches unser spezifischer Beitrag sein könnte, um auch in Genua die Geschwisterlichkeit umzusetzen, schrieben wir in jenem Jahr an Chiara Lubich. Wir teilten ihr unsere Entscheidung mit, alle unsere professionellen Kompetenzen einsetzen zu wollen, um ein Projekt für unsere Stadt zu verwirklichen. Unser Engagement sollte den offenen Wunden von damals zugutekommen: der Arbeitslosigkeit und der Verschmutzung.“ 

Roberto Zanovello gehört zu den Protagonisten dieses Unternehmens. Er berichtet weiter: „Ermutigt durch Gianni Predieri, einem Mitglied der Gruppe, weitete sich unser Blick von lokal auf global. Daraufhin kam uns die Idee, die Häfen Genua und Rotterdam als einheitliches Ganzes miteinander zu verbinden. Diese Sichtweise stand total im Gegensatz zu dem, was man damals allgemein dachte: keine Allianz zu bilden, sondern offener Krieg zwischen den beiden Häfen war angesagt. Dies wurde sowohl politisch als auch von Experten im Transportwesen und von Logistikfirmen unterstützt.“

Seitdem diskutierte die Gruppe ständig über dieses Vorhaben, beleuchtete seine Entwicklung von allen Seiten und begleitete es auf seinem Weg. Hinzu kam der Umstand, dass sich Situationen und Kontakte ergaben, die man sich nie hätte vorstellen können. Dies alles bewirkte, dass das Projekt im Laufe der Jahre auch das Interesse der Politik auf höchster Ebene fand.

„In der Praxis“, fährt Roberto fort, „nahm es durch die Unterstützung einer Gruppe von Fachleuten aus Genua konkrete Formen an. Zwar waren diese nicht durch ihr Credo geleitet, aber von einer unglaublichen Leidenschaft und Hoffnung für die Menschheit beseelt. Diese Haltung ermöglichte es uns, das Projekt aufzustellen, es als Berufung der Stadt zu sehen und ihm eine technische Sprache zu verleihen. Sogar einer dieser Ingenieure wollte sich ausschließlich diesem Projekt widmen, als hätte er darin seine berufliche Verwirklichung gefunden. Gemeinsam fuhren wir nach Holland mit dem erklärten Ziel, die Einheit zwischen dem Hafen von Genua und dem von Rotterdam aufzubauen.“

Beide Seiten fanden unverhofft Finanzmittel für Forschung und Studium. Die Ergebnisse wurden einem internationalen Kongress in Rom vorgestellt, an dem sich Vertreter von Hafenbehörden aus der ganzen Welt beteiligten, Fachleute für globale Logistik und die wichtigsten internationalen Schifffahrtsgesellschaften. Da der Vorschlag bei diesem Gremium Akzeptanz fand, wurden die Unterlagen an die Weltkonferenz für Transportwesen nach Seoul geschickt, die sie wie folgt bewertete: „Eine konkretes Angebot zur Entwicklung einer weltweiten Seewirtschaft“. Karel Vinck, Europäischer Verantwortlicher für Bahnprojekte, unterstrich: „Hier handelt es sich um das fortgeschrittenste der Finanzprojekte der EU in Übereinstimmung mit den nationalen Regierungen“.

Gemeinsam mit anderen Verbänden der Stadt und der Neuen Gesellschaft, einem Zweig der Fokolar-Bewegung, der sich im sozialen Bereich engagiert, war man entschlossen, mit allen verfügbaren Kräften die Öffentlichkeit mit dem Projekt bekanntzumachen. Genua verstand das Anliegen und reagierte, denn die Einwohner stimmten dem Plan zu, engagierten sich dafür, weil sie ihn als ihre „Sache“ empfanden, als außergewöhnliche Möglichkeit für ihre Stadt. Sie dachten nicht nur an die Ziele, denn es bot sich auch ein Ausweg aus der Arbeitslosigkeit, wenn ein großes Gelände der Stadt, das zumal besonders verseucht war, für diesen Zweck umgewidmet werden sollte. Besonderen Anklang fand die Weise, wie sie einbezogen wurden, also ihre Teilhabe. Resultat dieser Aktion war die Unterschrift zu einem „Einverständnis mit dem Programm“ von Seiten des Italienischen Staats und den Behörden vor Ort, wonach die Industrie mit der höchsten städtischen Umweltverschmutzung umgestellt werden sollte. Dies sollte sich auf die Entwicklung sauberer und dauerhafter Aktivitäten stützen, die im Programm vorgeschlagen wurden.

Als das Projekt dann vom Forum Politik und Geschwisterlichkeit übernommen wurde, entwickelte sich stärker die politische Komponente und nahm internationale Dimension an. Damit begann eine autonome Entwicklung: ohne erkennbare Führung der Initiatoren. Sie brachte undenkbare politische Resultate und Vitalität für die Stadtgemeinde hervor, die bezeugte, wie Geschwisterlichkeit gelebt wird. Einige sprachen von dem “Wunder von Genua“, Lokalzeitungen unterstrichen mit Nachdruck die „brandneue“ Strategie der Stadt. Denn hier handelte es sich um einen Dialog mit verschiedenen Parteien und ökonomischen Themen, um sich gemeinsam an der Entwicklung der Stadt zu beteiligen. Mit der „Brücke der zwei Meere“ Genua und Rotterdam wurde eingrundlegender Ausgangspunkt gesetzt.

Exponenten/Vertreter von hohem Niveau, sei es von der PD sei es von der PDL, weisen heute darauf hinweisen, dass der einzige gangbare Weg in einem “städtischen Pakt“ liegt, der in ein „neues Modell für Genua“ mündet. Dafür mussten ganz konkret die infrastrukturellen Verbindungen vorangebracht werden. Somit fixierte man den Arbeitsbeginn auf März 2010, und Genua würde dadurch eine „Brücke“ für Europa werden.
Der Plan liegt nun bei den Institutionen. Er ist Gemeingut geworden und bezieht Hafen, Provinz und die Stadt Genua mit ein sowie die Regionen Ligurien, Piemonte, Lombardei, internationale und in Genua arbeitende Logistikfirmen und die Wirtschaftsministerien der europäischen Hauptstädte, die an der Bahnlinie liegen. Auch die Regierungen von Italien, der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Belgien und Holland unterstützen es als wichtige Achse. Durch die gemeinsame Erklärung vom 26. Mai 2009 stimmten sie der Umsetzung mit einer Art „Pakt der gegenseitigen Hilfe“ für die Lösung der noch bestehenden Hindernisse zu. Eine erste konkrete Umsetzung in der Infrastruktur gelang durch ein Experiment. Man schlug als praktische Demonstration vor, dass ein Zug den Hafen von Genua mit Duisburg, das im Herzen Europas liegt, verbindet. Der Vorschlag wurde angenommen und von der EU als bestes Projekt für die Entwicklung infrastruktureller Netze mit finanziert.

Das Projekt wurde auch vom Hamburger Hafen als strategisch bedeutsam bewertet, denn dort will man eine ähnliche Umsetzung zwischen den Häfen Hamburg und Duisburg verwirklichen, was sich dadurch anbietet, sich in das unsere auf vollkommene Weise einzugliedern. So wird der Hafen von Genua nicht nur mit dem von Rotterdam, sondern auch mit dem von Hamburg verbunden.
Als Bestätigung für die Bedeutung dieses Unternehmens (einzigartig, während sonst genau das Gegenteil geschieht) erhöhte die EU die Subventionen für diese beiden Projekte auf 50%, da sie diese bereits als ein einziges ansieht.

Die Bahnverbindung Genua-Rotterdam wird auf diese Weise eine bedeutsame Verlagerung des Personen- und Güterverkehrs bewirken. Auch das Zusammenwirken Schiene-Meer und Luft-Meer durch die Flughäfen und die größten Häfen Europas wird sich positiv auswirken.

“Kürzlich wurde ich ganz überraschend von der Bürgermeisterin Marta Vincenzi von Genua eingeladen“, beendet Zanovello seine Ausführungen, „ denn sie wollte das Projekt besser kennen lernen. Außer ihr hörten noch verschiedene Beamte zu, wie der Vize-Bürgermeister und der Generalsekretär der Gemeinde, der Vertreter für Stadtentwicklung und ein Universitätsprofessor, der als Berater für den Städtebau fungiert. Ganz spontan stellte ich die Schönheit und das Außergewöhnliche des Korridors Genua-Rotterdam für unsere Stadt heraus. Ich konnte außerdem die tieferen Inhalte der Geschwisterlichkeit benennen und die Berufung der Stadt. Daraufhin entschied man, dass die strategische Ebene der Bahnlinie zur strategischen Ebene der Stadtplanung werden soll. Dadurch verhilft das Projekt dem neuen Regulierungsplan zur Berufung zur internationalen Dimension.

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