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Sozialethik

Intervista_RobertoStirparo“Du kannst nicht daran vorbei”, erzählt Roberto Stirparo, Wasserbauingenieur, erfahren in der Wartung von Wasserreinigungsanlagen. In seiner intensiven Berufsgeschichte sind die Worte des Evangeliums für ihn täglich aktuell.

Paolo Balduzzi

Roberto Stirparo ist Hydraulikingenieur mit ökologischer Ausrichtung und befasst sich seit etlichen Jahren mit Wasseraufbereitungsanlagen. Er ist verheiratet, hat eine Tochter, lebt in Kalabrien (Italien) am äußersten Ende des Stiefels. Seine Geschichte zeigt, wie sehr es darauf ankommt, das Evangelium auch dann in den Alltag zu übersetzen, wenn es schwierig ist. 

Wie kam es dazu, dass du dich mit der Wartung von Wasserreinigungsanlagen befasst?

«Im April 1992 habe ich meinen Doktor in Wasserbau gemacht. Meine Familie war im Gaststättengewerbe und Tourismus tätig, zusammen mit einigen Verwandten. Als sich die Lage verschlechterte, kam es zu heftigen Spannungen in der Familie. Mein Vater erlitt eine Hirnblutung zwei Monate vor meinem Abschluss und war von da an hundertprozentig arbeitsunfähig. In dieser nicht einfachen Situation fiel es mir nicht leicht, an das Evangelium zu glauben. Wir haben den Beziehungen in der Familie und der Gesundheit von allen den Vorrang gegeben; den Verwandten gaben wir unseren Anteil».

Wie kamt ihr dazu?

«Aus dem Leben des Evangeliums im Licht des Charismas der Einheit habe ich verstanden, dass ich alle, auch die Feinde lieben sollte. Das bedeutete Konfliktvermeidung, auf das Gute setzen, das uns miteinander verband, und mit meinen Brüdern dank unserer Promotionen andere Berufsfelder zu suchen».

So hast du mit der Wasseraufbereitung begonnen?

«Ende der neunziger Jahre befasste eine multinationale Gesellschaft mit dem Management von 50 Wasseraufbereitungsanlagen im gesamten Kalabrien. Das gemeinsame Projekt von Umweltministerium und Gesellschaft bestand darin, sie mit Hilfe von 300 arbeitslosen Jugendlichen ans Laufen zu bringen, die damit einen sicheren Arbeitsplatz erhielten. Diese Jugendlichen mussten geschult werden, und folglich suchte die Firma Dozenten für einen Schulungskurs im Bereich Wasseraufbereitung. Ich wurde für einen Kurs beauftragt, dann wurden zwei daraus, dann vier. Danach hat mich dann der technische Direktor beauftragt, die Leitung für einen Teil der Aufbereitungsanlagen zu übernehmen».

Was ist dir bei der Arbeit in einem so großen Unternehmen aufgefallen?

«Ich stellte fest, dass fast alle, die dort arbeiteten, durch Empfehlung hineingekommen waren; vielleicht war ich der Einzige, der durch Bewerbung da war. Jedenfalls habe ich versucht, meine Arbeit ehrlich zu tun, und im Gegensatz zu dem bisher Üblichen funktionierten die Anlagen nach den klassischen 30 – 40 Tagen der Inbetriebnahme ausgezeichnet».

Wenn sie doch liefen, warum hatten sie dann so lange stillgelegen?

«Es fehlte am guten Willen. Umwelt und Ökologie haben mit Nützlichkeit zu tun, nicht mit Profit. Die Lösung von Umweltproblemen hängt auch mit einer Schulung zum Altruismus zusammen, nicht für den eigenen Egoismus; sonst wird jede fachliche Leistung eine Gelegenheit zu Profit und persönlicher Bereicherung, und damit wird das ganze System faul».

Was geschah dann?

«Dieses Projekt lief aus, und ich habe dann für andere Firmen gearbeitet. Ich bemerkte, dass die erste Zielsetzung einer Privatfirma mit Sicherheit nicht die strenge Leitung des öffentlichen Wasserschutzes ist, sondern die Schaffung von Profit, Gewinn für die Firma. Das sagte man mir auch ganz klar. Aber wenn man in Bereichen wie diesem arbeitet, von dem der Umweltschutz abhängt, die Zukunft unserer Kinder, die Gesundheit der Bürger, das Wohl einer Stadt, eines Stadtteils, einer Familie, dann wird die Vermischung von privaten und öffentlichen Interessen sehr gefährlich. Mittlerweile gab es – zehn Jahre später – die ersten Gefängnisstrafen in der Gemeinde Paola, weil aus Profitgründen der Klärschlamm in den angrenzenden Bach geleitet wurde, wo er dann wenige Kilometer weiter im Meer landete».

CalabriaDu hast dich hingegen dagegen entschieden…

«Ich habe gekündigt. Ich war gerufen worden, um Anlagen ans Laufen zu bringen. Wenn diese Absicht nicht mehr der Wahrheit entsprach, was konnte ich dann machen? Ich hätte ein Gehalt gegen mein Gewissen bekommen. Ich zog es vor, arm zu sein, aber ehrlich».

Du warst aber schon verheiratet, hattest bereits ein Kind…

«Das war mir bewusst; jedenfalls wurden meine Entscheidungen immer von meiner Frau geteilt. Aber wenn du dich in allen Aspekten des Lebens auf das Evangelium beziehst, kann du nicht nur sonntags Christ sein. Entweder bist du es immer oder nie. Ich hätte nicht in einer Umgebung bleiben können, wo die Gesetzwidrigkeit eine Komponente zum Arbeitserhalt war oder die Ethik überhaupt keine Rolle spielte. Mein Gewissen, meine Erziehung, meine Ideale, das Evangelium verlangten von mir, gegen diese Praktiken anzugehen, auch wenn es Opfer verlangte. Ich bin nicht verrückt geworden, aber ich habe sehr gelitten».

Du hast dich beträchtlichem Psychostress ausgesetzt.

«Sicher, lange ging es mir nicht gut, und auch heute ist es jeden Tag nicht leicht. Ich stelle fest, während ich mit dem auf Raten gekauften Kleinwagen fahre, fahren meine Kollegen Luxusautos, werde ich auf den Arm genommen; und doch gibt mir die Übereinstimmung mit den Freunden, die meine Ideale und christlichen Entscheidungen teilen, die Kraft zum Weitermachen, die Freude über das, was ich heute mache, und auch glücklich zu sein über das, was mir fehlt wegen einer christlichen Kohärenz, die sehr teuer bezahlt wurde. Aber man muss den Mut haben, nicht auf das eigene Interesse zu schauen; uns muss klar sein, wenn einer sich zu sehr bereichert, geht es zugleich auf Kosten der anderen, fehlt das Gleichgewicht. Christentum wird auch sichtbar in der Gleichheit der Güterverteilung».

Wie oft hast Du in diesen Jahren kündigen müssen?

«Ich habe oft gekündigt, entsprechend den Situationen. Wir haben aber auch viele wichtige Erfahrungen gemacht, eine davon war mit der Genossenschaft von Soverato, einem Ort an der Kalabrischen Küste. Wir waren zu dritt: ich als Ingenieur, ein Elektriker und ein ex-drogenabhängiger Arbeiter, der dank dieser Chance sich wieder ins Arbeitsleben eingliedern konnte. Wir haben einige Anlagen gewartet, hatten außergewöhnliche Ergebnisse, so dass man uns sagte, es sei gar nicht möglich, so reines Wasser zu bekommen, sicher sei es gefälscht!!»

Was arbeitest du heute?

«Ich arbeite weiter in der Umweltberatung, besonders von Wasser-Aufbereitungsanlagen. In den letzten Monaten ging die direkte Zuständigkeit für eine Anlage an eine private Firma über, und da hat sich dieselbe Dynamik wie bei den anderen wiederholt mit allen Konsequenzen für diesen Fall. Jetzt leite ich eine einzige kommunale Anlage und habe einige kleine private Tätigkeiten».

Welche Lehren hast du aus den Erfahrungen so vieler Jahre gezogen?

«Wenn einer wirklich ans Evangelium glaubt und es lebt, auch mit den Grenzen und Fehlern unseres Charakters, kommen doch früher oder später Ergebnisse. Die erreichten Ergebnisse sind nicht aus der gesellschaftlichen Situation, in der wir leben, voraussehbar; sie sind Frucht des täglich angenommenen Schmerzes. Derselbe Techniker, der nicht an die Reinheitsqualität unseres Wassers glaubte, bringt heute die Schulklassen, die künftigen Labortechniker zur Besichtigung unserer Anlagen».

Warst du dies alles nicht manchmal leid? Wäre es nicht leicht, es den anderen nachzutun?

«Das denke ich ständig. Jeder Tag kostet Mühe, man muss sich immer neu darauf einlassen, wobei immer die Versuchung besteht aufzugeben. Ich bin ja auch schwach. Heute Morgen bin ich am Strand gewandert und habe mich gefragt: “Ist das alles wirklich die Mühe wert?“ Angesichts des Meeres und der Sonnenreflexe auf dem Wasser habe ich die Nähe Gottes gespürt und wurde wieder ruhig. Mit meinem Gewissen bin ich im Reinen, und vor allem sehe ich mich auf dem rechten Weg. Es stimmt, dass die Lage immer prekär ist, das Monatsende zu erreichen, ist ein Unterfangen! Aber meine Geschichte und die meiner Familie bestätigen mir, damit Gott wirken kann, muss man ihm glauben, und das verlangt Entscheidungen gegen den Strom. Ich bin mit wenig zufrieden (mir reicht das ewige Leben), und Gott weiß alles, was wir brauchen. Außer dem Überfluß hat uns bisher nichts gefehlt. Das ist meine einzige Antwort».

© Photo Copyright snaps11Shamballah,  Creative Commons License
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