NEUE GESELLSCHAFT

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Buenos-Aires

Das Buch des bekannten polnischen Soziologen stellt den Alltag der Menschen in Großstädten zur Diskussion. In der Ära des globalen Dorfes werden die großen Zentren zum Scheideweg zwischen Chance und Frustration, zwischen Entwicklung und Verfall, zwischen Glück und Angst. Einerseits zeigt sich eine Vielzahl von Problemen, andererseits ungeahnte Kreativität, damit sich die Gesellschaft  „menschlicher“ gestalte".

 

Von Paolo Balduzzi (Übersetzung Eva-Maria Marold)

Dieser Titel weckte ganz stark meine Neugierde. Entweder lag es an dem Wörtchen „und“, das die Begriffe Angst und Vertrauen verbindet oder an der Berühmtheit von Zygmunt Bauman. Als namhafter Forscher untersucht er Widersprüche in der modernen und postmodernen Welt, denen die Menschen unserer Zeit unweigerlich ausgeliefert sind. Jedenfalls wählte ich seine Untersuchung. In wenigen Stunden liest sich der 79-seitige Band. Seine Überlegungen beweisen großen Weitblick, wenn er eines der kritischsten Themen soziologischer Analyse herausgreift, bei dem es besonders „knirscht und der immer stärker diskutiert wird“: nämlich das Leben der Menschen in der Stadt.

Baumans Analyse beschreibt nüchtern und scharfsichtig in drei kurzen Abhandlungen den Zustand unserer „globalen“ Städte.

Bei dem Versuch, die wichtigsten Elemente seiner Artikel hier kurz zusammen zu fassen, soll das Herzstück seiner Forschung herausgearbeitet werden, das sich erst entfaltet, wenn man das Original liest. Aber bereits beim Durchblättern des Textes kommt man vielen unserer Verhaltensweisen auf die Spur.

In dem Bewusstsein, dass sich unsere modernen Städte in einer neuen geschichtlichen Phase befinden, die mit der Globalisierung gegen Ende des XX. Jahrhunderts begann, liest Bauman in diesem Prozess die Zukunft der Stadt ab. Er charakterisiert sie als eine Triebfeder der Unsicherheit und des allgemeinen Verfalls. Indem er Überlegungen von Robert Castel aufnimmt, begibt sich der Autor an den Ursprung dieses Phänomens: die fest gefügte Gesellschaft wird ersetzt durch den individuellen Auftrag, sich um sich selbst zu kümmern und alleine zu handeln.

Fest gefügten Gemeinschaften stehen solche mit individueller Verantwortung gegenüber, in denen jeder für sich selbst sorgt und alles allein bewältigt.
Dadurch genießt in dieser modernen kapitalistischen Gesellschaft Produktivität einen höheren Stellenwert als die Qualität von Bindungen. Sie tauscht Geschwisterlichkeit gegen Solidarität ein, die zwar die Individuen auf die gleiche Ebene stellt, ihnen aber nicht die Chance gibt, sich frei als Persönlichkeit zu entwickeln und schöpferisch einzubringen. Auch der angeborene Sinn, andere aufzunehmen wie zum Beispiel den Fremden, bleibt dabei auf der Strecke. Wir stellen fest, dass all diese Faktoren zu Vereinsamung, Ängsten und Zersplitterung führen und Probleme aufwerfen, die die Gesellschaft vor Ort angehen muss. Hinzu tritt die Scheu vor dem Fremden, dem Unbekannten, der oder das als gefährlich eingestuft wird. Dadurch wird genau das verhindert, was jeder als „gegenseitige Bereicherung“ einbringen kann. Eine solche Haltung schlägt sich manchmal in ausländerfeindlichen Gesetzen nieder. Auch die Architektur neuer Ballungszentren begünstigt eher die Isolation als den Dialog.

Oft stehen die Städte diesen Problemen wehrlos gegenüber. Denn je ängstlicher sich die Bewohner voneinander abschotten, umso weniger öffnen sie sich den neuen Herausforderungen, die hingegen auf eine gemeinsame Antwort angewiesen sind.
Sao-Paulo

In San Paulo (Brasilien) beobachtet man, wie das Unterschiedliche eher ins Abseits gedrängt wird, wenn man dort auf den Umgang mit den Armen blickt. Im eigenen Umfeld will man Angst und Kriminalität besiegen. Nach draußen sucht man Lösungen, um Brücken gegenseitigen Verständnisses aufzubauen, immer unter Berücksichtigung des jeweiligen historischen Hintergrunds, der jeweiligen Kultur, der unterschiedlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten.


Als Beispiel, wie Architektur dazu verhilft, ein geeignetes Ambiente zu schaffen, das den Wünschen der Menschen entgegenkommt und ihre Kreativität in Gang setzt, nennt Bauman die Strandpromenade von Kopenhagen, der Hauptstadt Dänemarks. Dort wurde der zuvor gesperrte Uferbereich großzügig mit seinen Promenaden (und Grünflächen) der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt. Dies dient den Bürgern als Refugium, in dem sie sich sicher fühlen, während sonst Stadt mit Gefahr gleich gesetzt wird.

Der Autor zitiert Nan Ellin, bei dem das Angebot öffentlicher Plätze dazu einlädt, „den kreativen Wert der Andersartigkeit anzuerkennen mit der Fähigkeit, das Miteinander zu intensivieren, sich (mutig) zur Verschiedenheit zu bekennen und sich für einen viel versprechenden Dialog einzusetzen.“
Obwohl die Myxophobie als Angst vor Kultur- und Rassenmischung der ehrlichen Begegnung mit dem Gegenüber ausweicht und ständig um das individuelle Gut und den Privatbesitz kämpft, kann sie allmählich der Myxophilie, (d.h. dem Zusammenschluss verschiedener Rassen) Platz machen. Dies geschieht nämlich dann, wenn sie davon angetan ist, neuen Situationen sowie anderen Lebens- und Verhaltensweisen zu begegnen. Auf diesem Weg erschließen sich vermehrt Spielräume für öffentliches und soziales Miteinander.


Bauman fährt fort: „Myxophobie  und Myxophilie existieren nicht nur in jeder Stadt, sondern auch in jedem Bürger gleichzeitig nebeneinander. Natürlich handelt es sich dabei um eine unbequeme Koexistenz voller Lärm, Reizbarkeit, aber sie ist nicht weniger beachtenswert. (…) Die Kunst, miteinander friedlich und glücklich trotz der Unterschiede zu leben und die Fülle von Anregungen und Möglichkeiten zu nutzen, entwickelt sich zur wichtigsten Fähigkeit, die ein Bürger erlernen und praktizieren sollte.“


Aber eine Wahrheit verbindet alle Städte, nämlich zu wissen, dass alle Menschen von Natur aus gleich sind trotz abweichender Herkunft, Hautfarbe und Sprache; mit Hilfe dieser Feststellung rückt der Soziologe einen Ausweg aus dem gegenwärtigen Zustand ins Blickfeld. Es gilt, zum wahren Sinn des Zusammenlebens zurückzufinden, in dem Bewusstsein (di essere la stessa differenza), dass man selbst der Unterschied ist, um den psychologischen Terrorismus zu bekämpfen, den uns die globale Welt dem anderen gegenüber eingeschärft hat.

Daher ist dieses “Mitleid”, dieses “Sorge tragen” für den anderen von der persönlichen Ebene auf die planetarische zu übertragen. Nur gemeinsam können sich die Städte gegenseitig ihre Entdeckungen, Lösungen und Nöte mitteilen, in dem jede einen Aspekt des globalen Dorfes abdeckt, den sich die jeweils andere auf Grund ihrer Geschichte und Entwicklung wieder ins Gedächtnis rufen muss.

Man besiegt dies, wenn man im Verschiedenen den Drehpunkt für die gegenseitige Bereicherung entdeckt, einen Lebensstil wieder findet, der die Nöte der andern mit trägt, des ärmsten, und fähig ist, in eine Gesellschaft zu integrieren, die nicht verliert, sondern nur gewinnt, gedeiht; sie findet ihre wahre Identität wieder, den Sinn für Gemeinschaft, wenn sie jedem Bewohner der Stadt - ob Hausfrau oder Student, Arbeiter oder Arzt - zu verstehen gibt, die erste Aufgabe besteht darin, „die menschliche Gemeinschaft humaner zu gestalten“.

Vertrauen und Angst in der Stadt
von  Zygmunt Bauman
Mailand 2005 (Mondadori)

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