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Palermo

Ein Buch mit Erfahrungen von Menschen, die ein Volk kennen gelernt haben und nicht mehr als Bedrohung der eigenen Identität sehen, sondern als ein „Gegenüber“. Dieser “Andere” bittet um Anerkennung und um Zugehörigkeit als Bürger. Wir erfahren aus dieser wunderschönen Stadt Palermo vom Leben dieses Volkes, das sich Offenheit erwartet. Wie kommt es zum gegenseitigen Austausch von Nöten und Reichtümern? Auf den ganz normalen Wegen, die eine Gemeinschaft in jeder Stadt durchläuft.

Von Maddalena Maltese – Redaktion von Paolo Balduzzi

Palermo gehört zu den faszinierendsten Städten des Mittelmeers. Von ihrer tausendjährigen Geschichte zeugt bis heute der künstlerische und architektonische Glanz, in dem verschiedene Herrscher im Laufe der Jahrhunderte ihre Spuren hinterlassen haben. Durch ihre beeindruckende geografische Lage bildet sie eine natürliche Brücke zwischen Europa und Afrika. Palermo ist daher nicht nur das wirtschaftliche und politische Zentrum Siziliens. Sie ist vor allem eine Stadt, die sich befreien möchte und nach neuer Identität sucht. Zum einen soll der antike Glanz wieder erstrahlen, aber andererseits möchte sie der Welt das Drama ihrer Geschichte entgegenschreien. Gleichzeitig kennt sie die Schönheit der Natur und ihrer Bewohner.

Carla Mazzola arbeitet seit 15 Jahren als Psychopädagogin an dem Forschungszentrum für mangelnde Schulbildung im Stadtteil Zen von Palermo. Seit etwa drei Jahren setzt sie sich für die schulische Eingliederung von Kindern der Roma ein.

Ermutigende Ergebnisse dieser Arbeit zeigten sich im Vergleich zum Vorjahr in den höheren Anmeldequoten dieser Kinder in Schule und Kindergarten. Um den Bildungsbedürfnissen der jungen Roma zwischen 16 und 25 Jahren entgegen zu kommen, die bereits der Schulpflicht entwachsen sind, wurde ein absolut neues Experiment gestartet. Denn hier handelt es sich um ein Bildungsangebot mit einem differenzierten Profil zu Wissenszuwachs und Erziehungsproblemen dieser Altersstufe. Man bietet den Jugendlichen „Kurse zum Lernen mit persönlicher Note“ an.

Diese Aktivität wurde in Absprache mit einigen Institutionen und Verbänden gestartet, die sich für die Stadt einsetzen.

CopertinaDiese Erfahrung und Zeugnisse von anderen wurden in dem Buch: Il libro „Yek dui trin..Rou(t)e“ veröffentlicht,. Es berichtet von Begegnungen und Projekten mit dem Volk der Roma in Palermo. Es entstand nach fünf Jahren Vorbereitungszeit. Dabei galt es, sich unvoreingenommen zu begegnen, Ängste und Kämpfe zu überwinden, die schwerlich auf 130 Seiten wiedergegeben werden können. Aber wenn man in das Leben dieses Volkes Einblick gewinnt und dann die Schwelle der Vorurteile und Klischees überschreitet, dringt man als der Leser tiefer vor, erfährt vom harten Existenzkampf einer Kommunität, die täglich versucht, ihre Identität und ihre eigenen Wurzeln zu verteidigen.

Obwohl sie seit über 20 Jahren dort lebt, wurde ihr bisher das Wohnrecht untersagt. Aber Palermo hat in diesen fünf Jahren  viel dafür eingesetzt, angefangen von sportlichen Wettkämpfen über Workshops, die dem gegenseitigen Kennen lernen dienen. Auch der Kampf um schulische Integration ist im Gange, aber es bleibt noch viel zu tun, um die bisher unvermeidliche Trennung zu beheben, die immer noch zwischen der Stadt und den Lagern der Roma besteht.

“Dass du gesund und glücklich sein kannst!” Mit diesem Wunsch begrüßen sich Sinti, Roma und Zigeuner bei jeder ihrer Begegnungen. Und mit diesem Gruß begann man auch bei der Vorstellung des Buches im letzten Mai in der Philosophischen Fakultät von Palermo.

„Kommt und schlaft zwei oder drei Tage in unserem Lager, damit ihr seht, wie wir leben!“ So lautete die provokatorische Einladung von Hasan Salihi aus dem Kosovo. Er ist Roma, Musiker und vertritt die Gemeinschaft von Palermo. „Ihr würdet viele Überraschungen erleben, aber ihr müsstet auch mit unseren Feinden den Kampf aufnehmen: mit den Mäusen, den Abwässern unter freiem Himmel, mit dem gänzlichen Mangel an sanitären Einrichtungen.“

Das Wort wohnhaft oder Bürger klingt ihnen fremd und scheint fast ein Verrat an dem, was man allgemein als Berufung dieses Volkes ansieht, nämlich das Nomadentum. „Auch das ist ein wahnsinnig hartes Vorurteil“, erklärt uns Alexian Santino Spinelli, Dozent für rumänische Kultur an der Universität von Chieti. Er ist Roma-Schriftsteller und Musiker. „In Wirklichkeit ist das Volk der Roma eine Nation ohne Land, aber in Italien sind 70% von ihnen sesshaft.“ Der Professor gibt einen historischen Abriss von der Geschichte seines Volkes und berichtet von der Flucht aus Indien, den Verfolgungen unter dem Nazismus, ihrer Vernichtung unter der Gleichgültigkeit der anderen. „Welche Waffe hatten wir zur Verteidigung? Eine erhobene Hand, die inständig bittet. Sie bittet um Almosen, um zu überleben, aber sie bittet auch um Sicherheit, bittet um Heimat und Würde, die ihnen abgesprochen werden.“

Und Nazzareno Guarnieri, ein Roma der Abruzzen und Präsident der italienischen Roma und Sinti-Föderation schließt mit den Worten: „In Wirklichkeit fehlt es an Mut für den Schritt, von einer multiethnischen Gesellschaft zu einer interkulturellen Gesellschaft überzugehen, in der die Roma keine Vermittler sind, sondern Vertreter eines Volkes mit Selbstverantwortung für ihre Existenz.“
Vielleicht braucht es den Mut, sich Seite an Seite mit diesem Volk auf den Weg zu begeben, indem man Möglichkeiten sucht, die für beide, für Roma wie Palermitaner gangbar sind. Dann kann dem Glanz dieser Stadt ein neuer hinzugefügt werden: einer, der in der Verschiedenheit aufstrahlt und auf der Suche nach Dialog zum Allgemeinwohl beitragen kann. Wirklich einer für alle.

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