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Die folgende Geschichte beginnt an einem Abend mit Donner und Regen in irgendeinem römischen Bus.  Nein, fangen wir noch einmal neu an: Sie beginnt in Tagab, einem Bergdorf in Afghanistan, wo Hunger, Kälte und Angst Reisegefährten jeder Familie oder jedes Jugendlichen sind, der ins Leben hinaus möchte.

Oft sind sie der Grund für Verschwinden und Flucht, um irgendwo anders einen Landeplatz zu suchen. Vier Halbwüchsige machen sich auf die Reise und im Dezember 2008 eine erste Zuflucht ausgerechnet in in jenem römischen Bus.

 

Von Paolo Balduzzi, Rom

vetro_pioggiaCarlotta Mismetti Capua befindet sich an jenem Abend, an dem der Tiber über die Ufer zu treten scheint, in eben jenem Bus. Zuhause erwartet sie die Wärme der Freunde und ein fertiges Abendessen. Die vier einsamen Bürschchen mitten in einer Stadt, die mitunter erbarmungslos sein kann, sind nicht zu übersehen. Verzweiflung spricht aus ihren Blicken. Was tun? Nach Hause gehen und diese Augen möglichst schnell vergessen oder etwas tun, handeln, um den Lauf der Dinge zu verändern?

Wir erzählen die Geschichte, weil Carlotta sich an jenem Abend gegen alles und alle für die zweite Option entschieden hat. Daraus ist eine neue Stadt entstanden, die Stadt von Asterix.

Die Asterix-Stadt ist ein journalistisches Erzählprojekt bei Facebook. Der Kurzfilm, der dabei im Mittelpunkt steht, hat den Wettbewerb „My Rome“ beim Roma Fiction Fest2010 gewonnen. Er erzählt die Geschichte von vier afghanischen Jungen, die zu Fuß aus dem Krieg in Rom gelandet sind. Am 22. Februar kam das Buch heraus, Piemme hat in der Reihe „Wie zwei Sterne im Meer“ die Geschichte aus dem Web aufs Papier gebracht.

Aber welche Folgen hatte diese große-kleine Geschichte für und in der Stadt? Wir haben Carlotta danach gefragt.

Wir haben die Geschichte der Asterix-Stadt im Blog und auf Facebook gelesen. Wir haben mit ihnen die Entwicklung der Jungen verfolgt, die Sie an dem Abend im Autobus getroffen haben. Was bedeutet für Sie als Journalistin und als Frau dieses Erfahrung heute?
„Als Journalistin kann ich schwerlich darauf antworten, denn ich habe mich sehr unüblich verhalten, bin sehr von meiner üblichen Methode abgewichen, bei der wir ja den korrekten Abstand von dem Gegenstand unseres Objektes halten, das wir beobachten oder untersuchen, um darüber zu berichten. Solche Distanz ist manchmal notwendig bei der Arbeit, aber manchmal ist sie auch Zynismus oder Zerstreutheit oder, schlimmer noch, Faulheit. In diesem Falle habe ich sie verloren, was mich einen großen Einsatz von Zeit, Energie, aber auch Affekt kostete. Vor allem ging das ständig weiter, was für eine Journalistin unüblich ist. Dafür, dass ich einen anderen Weg eingeschlagen habe, war es nützlich, so habe ich gelernt, die Realität neu in den Blick zu nehmen und die Welt aus einer anderen aus einer anderen Sicht zu vermessen. Der dieser Jungen. Als Frau habe ich die Geduld gelernt, habe mich privat damit herumgeschlagen, dass sie akzeptiert, angehört wurden, und viel Verwirrung in meiner Welt angestellt. Ich wollte kein Apostolat betreiben, aber ich habe tagtäglich mit den  Jungen zu tun, und das macht die größte Veränderung in meinem Leben aus. Das hätte ich mir nie erwartet. Aber jetzt nach zwei Jahren kann ich das alles nur mit Staunen und Freue feststellen".

Was hat Sie der Kontakt mit dem Leid, mit denen, die in einer so komplexen Stadt wie Rom ausgeschlossen werden, verstehen lassen?
„Dass Rom verändert ist, dass wir uns in die Haare bekommen haben, dass die Leute knurren, murren, düster sind, das Wohlwollen verlernt haben, das sie jahrhundertelang immer hatten, und sich hinter einer fatalistischen Sicht der Welt verschanzen. Das waren keine  typisch römischen Charakterzüge. Wir sind hässlich geworden, um einmal einen in diesem Zusammenhang üblichen Ausdruck zu gebrauchen. Da aber die Schönheit die Schwester der Wahrheit und der Harmonie ist, macht mich diese Feststellung traurig. Sie belastet unsere Tage. Für meine Mitbürger, für mich selbst, für die Luft, die ich atme, sehe ich den gegenwärtigen Zustand als äußerst schlecht an".

CMCapuaWelche Momente in diesem Storytelling sind Ihnen besonders haften geblieben und warum?
„Als mir eine Leserin aus Afghanistan geschrieben hat. Sie heißt Marta und arbeitet in einem Lager mit Tausenden von Flüchtlingen. Ihre Mail vergesse ich nicht, wie die von anderen unbekannten Lesern auf Facebook, denn in ihren Augen, die so weit weg sind und so viel Leid sehen,  schien diese winzige freiwillige Aufnahme durch eine einzelne Person, sie und vielleicht uns alle ein wenig zu befreien angesichts der fürchterlichen Nachrichten, die sie aus Italien erhielten, wo Fremde zurückgewiesen, auf der Straße geschlagen, unehrenhafte Gesetze verabschiedet wurden. Weil dieses Mädchen vom anderen Ende der Welt sich ein wenig weniger selbst und für das Land, in dem es geboren war, schämen musste und etwas Sinnvolles tat".

Was ist Ihrer Meinung nach die Aufgabe eines jeden Einzelnen, um seine Stadt  besser zu machen?
„Bürger sein, nicht allein, sondern mit den anderen zusammen. Freunde werden mit den Nachbarn, keine Angst haben, anderen zu geben. Wir freuen uns ja auch sehr, wenn wir von anderen etwas bekommen. Und vor allem, die Phantasie gebrauchen.

Wie viel kostet in einer Stadt die Beziehung zum anderen, und wieviel kann dieser Dialog uns als Menschen und als Bürger geben?
„Begegnungen sind die einzige echte Chance, die wir haben; vielleicht zusammen mit dem Reisen. Deswegen würde ich sagen: sehr viel, um sich besser zu fühlen  – ich würde nicht sagen, glücklicher zu sein -, aber zufrieden".

Welchen Beitrag bringt in einer großen Stadt die Verschiedenheit? Ist die so wichtig?
„Sie ist Tatsache. In der Vergangenheit war Rom Hauptstadt eines Reiches, und da lebten als Bürger Menschen aus verschiedenen Ländern, von Spanien bis Numidien,  Menschen, die berühmte Dichter, berühmte Kaiser geworden sind. Heutzutage, würde ich sagen, ist das Gegenteil zu diesem Beitragen die Unterschlagung, und der Rassismus nimmt uns ja mehr als er bringt".

Was ist also am Ende die Asterix-Stadt, und warum haben Sie sie so genannt?
„Sie ist eine unsichtbare Stadt, besteht aus Pixeln und guten Absichten. Akmed hat sie so genannt, und um zu entdecken, wie ein afghanischer Junge den Cartoon von Asterix und die Hauptstadt der Welt zusammenbringt, dazu müsst ihr euch einfach bei der Facebook-Gruppe einschreiben oder das Buch lesen".

Carlotta Mismetti Capua, “Come due stelle nel mare”, 186 p. Piemme Editore

© Photo Copyright RICCIO and International Journalism Festival, Creative Commons License
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