NEUE GESELLSCHAFT

Programmatische Reden


Chiara Lubich, Gründerin und Präsidentin der Fokolar-Bewegung, ist im Laufe ihres Lebens unterschiedlichsten Menschen begegnet. Für jeden hatte sie ein Wort, einen Hinweis, wie das Ideal der Geschwisterlichkeit in den verschiedensten Bereichen gelebt werden konnte.  Dies galt für eine Rede zu Politikern, einen direkten Dialog mit Jugendlichen und Kindern, einen Gruß an Familien bei einem Kongress. Jede Gelegenheit nutze sie, um das Neue zu vertiefen, das diese Lebensweise herbringt und, angefangen von der eigenen Stadt, die ganze Gesellschaft durchsäuert.

Familyfest 1993

Saatkörner der Gemeinschaft
für die Menschheit des dritten Jahrtausends
EIN VORSCHLAG

Chiara Lubich


Einen ganz herzlichen Gruß euch allen hier im Sportpalast, den Familien, die sich an den mehr als 500 Übertragungsorten zusammengefunden haben, und allen, die das Familyfest über Rundfunk oder Fernsehen mitverfolgen.



Wir stehen an der Schwelle des dritten Jahrtausends. Die Familie, jede Familie, kann diese Ära mitgestalten. Sie ist von Gott erdacht als ein Meisterwerk der Liebe. Dementsprechend können von der Familie Leitlinien ausgehen, die dazu beitragen, die Welt von morgen zu verändern.
Wenn wir auf die Familie schauen, sie sozusagen durchleuchten, können wir großartige, kostbare Werte in ihr entdecken. Auf die Menschheit übertragen und angewandt, können sie diese in eine große Familie verwandeln.

Die Familie gründet auf der Liebe, auf einer Beziehung, die alle Schattierungen hat. Es gibt die Liebe zwischen den Ehepartnern, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Großeltern und Enkeln, zwischen Tanten, Onkeln, Nichten und Neffen sowie zwischen den Geschwistern. Diese Liebe wächst und übersteigt sich ständig. Die Liebe der Ehepartner bringt neues Leben hervor, und die Geschwisterlichkeit wird zur Freundschaft. Autorität und Rollenverteilung werden - da sie Ausdruck der Liebe sind - als selbstverständlich betrachtet.

In der Familie ist es natürlich, daß alles allen gehört, daß man alles teilt und eine gemeinsame Kasse hat. Man spart, nicht um Güter anzuhäufen, sondern aus Vorsorge. Es ist selbstverständlich, daß man für den Unterhalt derer sorgt, die noch nicht oder nicht mehr verdienen.

In der Familie sind Menschen aller Altersstufen zusammen. Ganz selbstverständlich lebt einer für den anderen, und die Liebe ist gegenseitig.

Auch die Erziehung geschieht in der Familie auf spontane Weise:
Denken wir an die ersten Schritte und die ersten Worte des Kindes. Man weist einander zurecht und verzeiht einander, immer zum Wohl des Betroffenen.

In der Familie herrscht ein natürlicher Sinn für Gerechtigkeit
. Schuld und Schande des einen empfinden alle als ihre eigene. Man leidet miteinander und setzt sich füreinander ein. Einer trägt die Last des anderen. Es ist selbstverständlich, daß man stets zu seiner Familie steht, ihr treu ist.

In der Familie zählt das Leben des anderen genauso viel wie das eigene, manchmal sogar mehr. Man sorgt sich um die Gesundheit eines jeden, und man kümmert sich um den, dem es nicht gut geht.

Die Familie ist der Ort, wo das Leben beginnt und erlischt, wo der behinderte, der alte, der schwerkranke Mensch mit Liebe aufgenommen und gepflegt wird.

In der Familie erhält jeder die Nahrung und die Kleidung, die er braucht. Die Wohnung wird von allen gemeinsam gestaltet und in Ordnung gehalten.

In der Familie lehrt und lernt man: alles trägt zur Reifung des einzelnen bei. Die Familienmitglieder können unterschiedliche Bildung haben und verschiedene kulturelle Werte besitzen, doch jede Verschiedenheit wird zur Bereicherung für alle.
Die Kommunikation geschieht in der Familie ganz spontan. Jeder hat an allem teil und teilt alles mit.
Es ist die Aufgabe jeder Familie, ihre Berufung so vollkommen zu verwirklichen, daß sie durch ihren typischen Lebensstil Vorbild für die gesamte Menschheitsfamilie wird und ihre Werte auf diese überträgt.
So werden die Familien in der Menschheit des dritten Jahrtausends Saatkörner der Gemeinschaft sein, wie es das Motto des Familyfestes ausdrückt.

In der Familie hat man alles gemeinsam? Dann liegt hierin das Saatkorn, aus dem in der Gesellschaft eine Wirtschaft erwachsen könnte, die sich am Menschen ausrichtet, eine Kultur des Gebens, eine Ökonomie der Gemeinschaft.

In der Familie lebt ganz selbstverständlich einer für den anderen? Dann liegt hierin das Saatkorn der Aufgeschlossenheit und des Sich-Annehmens unter Gruppen, Völkern, Traditionen, Rassen und Kulturen, das Saatkorn einer gegenseitigen Inkulturation.

In der Familie werden ganz von selbst von Generation zu Generation Werte weitergegeben? Dann könnte dies ein Ansporn sein, auf gesellschaftlicher Ebene der Erziehung einen neuen Stellenwert zu geben. An der Zurechtweisung und der Vergebung, wie sie in der Familie gelebt werden, könnte sich die Rechtspflege orientieren.
In der Familie zählt das Leben des anderen genauso viel wie das eigene? Dann liegt hierin das Saatkorn für eine Kultur des Lebens, die Gesetze und Strukturen der Gesellschaft prägen muß.

Die Familie pflegt ihr Heim, und die Wohnung ist Ausdruck familiärer Harmonie? Dann kann daraus eine neue Achtsamkeit gegenüber der Umwelt erwachsen.
In der Familie lernt man mit dem Ziel, als Person zu reifen? Dann liegt hierin das Saatkorn, um in Kultur, Wissenschaft, Technik und Forschung allmählich den geheimnisvollen Plan Gottes für die Menschheit zu entdecken und sich zum Wohl der ganzen Menschheitsfamilie einzusetzen.

Die Kommunikation in der Familie ist uneigennützig und aufbauend? Dann liegt hierin das Saatkorn für ein soziales Kommunikationssystem im Dienst des Menschen, das das Positive herausstellt und verbreitet, das zum Frieden und zur Einheit unseres Planeten beiträgt.
In der Familie ist die Liebe die natürliche Verbindung zwischen allen Mitgliedern?
Dann ist dies das Saatkorn für Strukturen und Einrichtungen, die das Wohl der Gemeinschaft^wie des einzelnen zum Ziel haben, bis hin zur Geschwisterlichkeit unter allen Menschen durch die Wertschätzung eines jeden Volkes.


In der Gesellschaft gibt es bereits auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene (die verschiedensten) Strukturen und Einrichtungen: Ministerien, Krankenhäuser, Schulen, Gerichtshöfe, Banken, Verbände und andere Institutionen. Doch diese Strukturen müssen immer mehr auf den Menschen zugeschnitten sein. Wir müssen ihnen eine Seele geben, damit der Geist des Dienens jene Intensität und Spontaneität, jene Liebe zum Menschen erreicht, wie man sie in der Familie findet.

Gott hat die Familie als Zeichen und Urbild jedes menschlichen Zusammenlebens geschaffen. Deshalb ist es Aufgabe der Familie, die Liebe immer lebendig zu erhalten. So kann sie die Werte, die Gott ihr geschenkt hat, neu beleben, um sie mit Großzügigkeit und Beständigkeit in alle Bereiche der Gesellschaft hineinzutragen.

Das ist unser Vorschlag, damit die Menschheit im dritten Jahrtausend wirklich zu einer (einzigen) großen Familie wird.

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